WIE MACHEN DAS DIE ANDEREN.... ?
Das frage ich mich schon seit geraumer Zeit ....und hole mir die Antwort bei Veronika Fischer , die auch ein sehr interessantes Buch ("Female Working, Verlag Kremayr&Scheriau") zum Thema Mehrfachbelastung geschrieben hat:
1. Veronika, was war der persönliche Auslöser für dich, Female Working zu schreiben?
Ich habe drei Kids und arbeite freiberuflich – das Thema Arbeit ist also immer wieder eine krasse Herausforderung für mich. Es ist mir sehr wichtig kreativ zu arbeiten, aber ich wollte auch möglichst viel Zeit mit meinen Kindern verbringen und dann wird es schnell anstrengend. Um mich zu orientieren, habe ich sehr viel feministische Literatur gelesen. Dort werden all die Missstände angeprangert und das hat mich sehr oft wütend und traurig gemacht. Es fehlen mir in den Büchern aber oftmals konstruktive Ansätze und Lösungen und somit habe ich mich gefragt: Was gibt es denn für Möglichkeiten Familie und Job gut unter einen Hut zu bringen? Ich wollte nicht mehr wütend, frustriert und erschöpft sein, sondern Lebensfreude und Kreativität entdecken und leben. Und darum habe ich dann dieses Buch geschrieben, das mir gefehlt hat: „Female Working“
2. Wie sah dein eigener beruflicher Weg als Mutter aus – gab es bestimmte Wendepunkte oder Aha-Momente?
Bereits während meines Philosophiestudiums habe ich mich viel mit Arbeitstheorien und der Frage beschäftigt, wie ein gutes Leben funktionieren kann. Kurz vor meinem Masterabschluss kam dann mein erstes Kind zur Welt und ich war mit dem Thema Mutterschaft konfrontiert und es wurde mir erstmals klar, dass „Arbeit“ nicht nur Lohnarbeit ist, sondern so viel mehr. Beruflich war für mich der größte Einschnitt, als ich als Redakteurin bei einer Schweizer Zeitung gearbeitet habe und kurz vor der Geburt meines zweiten Kindes gekündigt wurde – in der Schweiz ist das legal. Das hat mich ziemlich getroffen und da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie sehr man als Frau und Mutter am Arbeitsmarkt benachteiligt wird. Ich habe mich dann selbstständig gemacht und im Nachhinein war das die beste Entscheidung!
Weibliche Ressourcen & Potenziale
3. Du sprichst in deinem Buch viel von “weiblichen Ressourcen” – was meinst du genau damit?
Unsere Arbeitswelt ist ja stark durch das Patriarchat geprägt, sie wurde größtenteils von Männern für Männer gemacht. Und damit gibt es seit Jahrhunderten Zuschreibungen, was „männliche“ und was „weibliche“ Eigenschaften sind. Die ganzen umsorgenden Tätigkeiten werden aus dieser Sicht heraus Frauen zugeschrieben – das macht sich zum Beispiel in der Aufteilung der Elternzeit bemerkbar. Immer noch nimmt nur ein geringer Prozentsatz der Väter mehrere Monate Elternzeit, immer noch arbeiten viele mehr Mütter in Teilzeit. Gleichzeitig werden diese Eigenschaften abgewertet und unsichtbar gemacht. Die bezahlte Erwerbsarbeit wird meistens höher angesehen als unbezahlte Care-Arbeit. Um ein hier wieder ein Gleichgewicht herzustellen, müssen wir also die als „weiblich“ benannten Eigenschaften aufwerten und ihnen die gleiche Anerkennung zukommen lassen. Das bedeutet dann zum einen, dass Frauen beruflich gefördert werden müssen, aber auch, dass Männer mehr Care-Arbeit übernehmen.
4. Welche dieser Ressourcen sind gerade in der Zeit mit Baby oder Kleinkind besonders stark ausgeprägt oder wichtig?
In dieser Zeit wichtig, was ich gerne als „radikale Fürsorge“ bezeichne. Ein Kleinkind zu umsorgen ist einfach ein Fulltimejob und es kann irre anstrengend sein. Gleichzeitig ist es auch die wertvollste Zeit mit einem Kind und später sehnt man sich oft danach zurück. Man entdeckt schließlich nur einmal die Welt neu zusammen mit einem kleinen Menschen und da ist jedes Schneckenhaus und jede Pfütze am Wegrand ein Highlight. Um das zu genießen braucht man Zeit und Ressourcen. Ich interviewe im Buch eine Künstlerin aus Berlin, die ihr Baby mit einem befreundeten schwulen Paar großzieht – das finde ich super inspirierend! Da gibt es einfach drei Menschen, drei Gehälter somit viel mehr Spielraum als in einer Elternschaft zu zweit. Solche Beispiele sind natürlich für die meisten nicht umsetzbar, aber man kann sich überlegen, was man selbst verändern könnte. Ich habe zum Beispiel eine Haushaltshilfe eingestellt – das entlastet uns sehr. Wenn wir diese Fürsorge, die meist nur im Privaten stattfindet, auch ins Business integrieren, haben wir für alle eine schönere Arbeitswelt.
5. Was können Mütter tun, um diese Ressourcen bewusst zu aktivieren oder wiederzuentdecken?
Für mich war der größte Game-Changer, dass ich angefangen habe, meinen Zyklus zu verstehen. Und zwar nicht mit einer App oder einem Kalender, sondern ganz intuitiv mit einer Metapher: die erste Woche nach der Periode ist der Frühling, die Eisprungphase der Sommer, die Woche vor der Menstruation der Herbst und dann kommt der Winter. Die Arbeitswelt funktioniert ja linear, jeden Tag gleich, und ist damit eben für Männer ausgelegt. Wir Frauen haben aber jede Woche eine andere Power und andere Bedürfnisse. Wenn man sich daran mit der Ernährung, dem Sport und den Aufgaben in Business und Alltag anpasst, arbeitet man auf einmal nicht mehr gegen, sondern mit dem Körper und hat so viel mehr Power.
Der Wiedereinstieg – Möglichkeiten & Mindset
6. Welche Modelle und Arbeitsformen empfiehlst du Müttern für den Wiedereinstieg?
Für mich war die Selbstständigkeit die perfekte Form, da ich hier sehr flexibel arbeiten kann. Der Nachteil ist natürlich eine finanzielle Unsicherheit – es gibt immer mal Phasen, in denen es schlechter, dann wieder besser läuft und das muss man aushalten können. Wer mehr Sicherheit braucht, ist in einer Festanstellung besser aufgehoben. Grundsätzlich würde ich einfach darauf achten, dass ein Bewusstsein für die Doppelbelastung von Arbeit und Familie gegeben ist. Dann lassen sich viele Dinge gut regeln. Und ganz wichtig ist die Aufteilung in der Partnerschaft. In den meisten Fällen sind ja die Mütter mehrere Monate zuhause und werden damit zu Expertinnen für Kinder und Haushalt. Sie wissen, wo die Matschhosen liegen, welche Kleidergröße die Kinder haben und welche Arzttermine anstehen. Wenn dann der Wechsel zurück in die Erwerbsarbeit erfolgt, muss auch die Care-Arbeit neu verhandelt werden. Sonst läuft man langfristig in die Erschöpfung.
7. Wie kann man mit dem gesellschaftlichen oder inneren Druck umgehen, “alles schaffen zu müssen”?
Das ist eine große Herausforderung! Frauen wurden über die vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende so sehr auf bestimmte Aufgaben konditioniert, dass es super schwer ist, aus diesen bestehenden Mustern auszubrechen. Aber es gibt tolle Angebote, die in diesem Bereich aufklären und unterstützen. Man kann z.B. auf Social Media guten Accounts folgen, die immer wieder Inspiration liefern. Ich bin irgendwann für fünf Tage auf ein Retreat nach Marokko geflogen, um mich bewusst mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Das war im ersten Schritt ein großer Invest und auch krass die Kinder mit ihrem Papa „allein“ zu lassen – auch hier zeigt sich wieder wie tief solche Themen sitzen. Aber es war dann für alle eine bereichernde Woche und seither nehme ich mir regelmäßig Auszeiten, um aufzutanken.
8. Gibt es eine Denkfalle, in die viele Mütter beim Thema Arbeiten nach der Geburt tappen – und wie kommt man da wieder raus?
Was ich beobachte, ist, dass viele Mütter denken, dass sie es schon irgendwie schaffen, Kinder und Job unter einen Hut zu bringen. Und man schafft es ja auch! Wie anstrengend es ist, merkt man vielleicht nicht unmittelbar, sondern erst nach ein paar Monaten oder Jahren. Und dann sind die Strukturen schon so gefestigt, dass es viel schwieriger ist, sie wieder aufzubrechen. Das ist dann ein richtiger Kraftakt – vor dem man sich scheut und lieber weiter macht wie bisher. Von daher ist mein Tipp: Je früher man die Reißleine zieht, desto besser! Und lieber knallt es einmal, als dass man über Jahre immer mehr in die Erschöpfung rutscht. Wenn ich dich frage, was dir so richtig viel Freude im Alltag bereitet und dir nicht wirklich viel einfällt, dann ist es höchste Zeit für eine Veränderung.
Strukturen schaffen – aber wie?
9. Wie wichtig sind Routinen – und welche Tools oder Tricks helfen, um als Mutter produktiv zu bleiben?
Wir dürfen uns erstmal davon verabschieden, immer produktiv zu sein. Das habe ich auch ganz lange gemacht – während jedem Mittagsschlaf des Babys habe ich gearbeitet oder schnell ein paar Aufgaben erledigt und am Ende gab es keinen Raum mehr für mich. Das habe ich jetzt wieder eingeführt. Ich gehe in einen Malkurs, nehme mir Zeit für Spaziergänge oder Treffen mit Freundinnen und mache auch oft mal eine Pause in der Hängematte oder auf dem Sofa. Im Endeffekt bin ich damit viel entspannter und bekomme den Alltag besser gewuppt!
10. Was rätst du Müttern, die keine familiäre oder institutionelle Betreuung haben? Gibt es kreative Lösungen oder neue Formen von Netzwerken?
Man sagt ja immer, dass man ein Dorf braucht, um ein Kind groß zu ziehen – und das stimmt! Es gibt dabei ganz viele Möglichkeiten, man muss einfach ein bisschen kreativ werden und die Augen nach Möglichkeiten offenhalten. Beispielsweise gibt es in manchen Städten Miet-Großeltern, die man buchen kann. Auch mit anderen Familien kann man sich super abwechseln und so ein super Betreuungssystem aufbauen. Und ganz allgemein kann man sich überlegen, welche Aufgaben man gut outsourcen kann. Vielleicht ja die Steuererklärung? Oder man macht einen Wocheneinkauf online? Du kannst dir mal eine Liste machen mit allen To-Dos und überlegen, was davon du abgeben kannst. Das ist natürlich auch oft ein finanzieller Aspekt, aber meine Erfahrung zeigt, dass sich das auch schnell wieder relativiert. Anfangs habe ich ziemlich genau das Honorar verdient, das wir unserer Haushaltshilfe bezahlt haben. Somit war es schon fraglich, ob das ein sinnvolles Modell ist. Aber ich konnte Projekte machen, die mich weitergebracht haben, habe in der Zeit in die Rentenkasse eingezahlt, habe keine Lücke im Lebenslauf und hatte vor allem Freude an meiner Arbeit. Und ein wichtiger Punkt kommt noch dazu: So wird Hausarbeit bezahlt und erhält damit auch eine Aufwertung – wenn man sie selbst macht, ist das ja nicht der Fall.
Female Empowerment im Alltag
11. Welche Rolle spielt weibliches Netzwerken – und wie kann man sich mit Gleichgesinnten verbinden?
In einem gemeinsamen Austausch gibt es so viel Power und Kreativität – das müssen wir nutzen. Von älteren Frauen kann man viel lernen, Frauen in derselben Situation sind oftmals die größten Unterstützerinnen und im Business sind Frauennetzwerke unschlagbar. Wir müssen nicht alles alleine schaffen, sondern dürfen uns verbünden und nach Hilfe fragen! Die Zeit mit anderen Frauen muss man sich bewusst nehmen und ihr denselben Stellenwert einräumen, wie der Familie oder dem Job – das geht im Alltag gerne mal verloren.
12. Gibt es ein Mantra oder eine Haltung, die dir selbst geholfen hat, dranzubleiben? Wie alt sind deine Kinder heute ?
Meine Kinder sind 5, 7 und 14 Jahre. Es gab immer mal wieder Krisen und ich habe mehr als einmal überlegt alles hinzuschmeißen. Aber Krisen sind auch immer wieder tolle Möglichkeiten die Dinge zu überdenken und neu zu sortieren. Und auch die Wut ist ein guter Antrieb, um Dinge zu verändern. Unterschätze niemals die Power einer wütenden Frau! Zudem hatte ich immer die Vision oder den Traum von einer Arbeitswelt, die anders funktioniert und das lässt mich immer weiter machen, neue Wege suchen und diese gehen.
Credit: Veronika Schilling


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